Kleine Schritte. Großes Leben. Meine Geschichte mit ME/CFS (Part 2)
- Tessa Hartmann

- 23. Juni
- 13 Min. Lesezeit
Bevor ich diesen Artikel geschrieben habe …
Eigentlich wollte ich diesen zweiten Blogbeitrag schon vor einiger Zeit veröffentlichen.
Doch dann ging es mir phasenweise wieder schlechter und sofort waren sie wieder da – diese Gedanken:
Hat dieser Beitrag überhaupt noch eine Berechtigung, wenn sich doch gar nichts verändert hat? Bin ich wirklich auf dem richtigen Weg? Ist das jetzt ein Rückschlag? Habe ich vielleicht versagt?
Es ist erstaunlich, wie schnell unser Kopf sich auf Zweifel stürzt.
Und doch gehört genau das für mich zur Genesungsreise dazu.
Ich glaube, einer der größten Irrtümer ist die Vorstellung, Heilung würde bedeuten, dass Symptome einfach immer weniger werden, bis sie irgendwann verschwinden. Meine Erfahrung ist eine andere. Die Symptome verändern sich. Sie verändern ihre Art, ihre Intensität und ihre Dauer. Manche verschwinden, andere tauchen plötzlich auf. Manche Phasen fühlen sich wie ein riesiger Schritt zurück an, obwohl sie rückblickend vielleicht genau die Anpassung waren, die mein Körper gebraucht hat.
Besonders deutlich habe ich das letzten Winter gespürt. Erst da wurde mir bewusst, wie stark mein Körper auf die Zeitumstellung reagiert. Das fehlende Tageslicht, keine morgendlichen Spaziergänge in der Sonne, die kürzeren Tage – all das hat mich viel mehr beeinflusst, als ich erwartet hätte.
Auch die Allergiesaison hat mich dieses Jahr deutlich beeinträchtigt. Über Wochen fühlte ich mich wieder einfach nur krank. Meine so hart erarbeitete körperliche Belastung musste ich erneut reduzieren und natürlich kamen sofort wieder Zweifel auf.
Aber mittlerweile kenne ich dieses Muster.
Nach jeder Phase der Anpassung geht es danach wieder ein kleines Stück besser. Und genau dieses Vertrauen wächst langsam.
Im Frühling bin ich zum ersten Mal wieder alleine etwa zwei Stunden wandern gegangen. Mit einer längeren Pause oben, ganz ohne Druck. Und ich konnte diese Wanderung später sogar wiederholen.
Ich beginne mich auch langsam wieder an die Pole heranzutasten. Nur für ein paar Minuten. Und das Schönste daran ist fast gar nicht die Bewegung selbst, sondern dass es mir mittlerweile nicht mehr schwerfällt, wieder aufzuhören. Früher hätte mein Ehrgeiz gewonnen. Heute weiß ich, dass genau dieses Aufhören Teil meines Fortschritts ist.

Ich versuche, das zu schätzen, was bereits möglich ist, anstatt mich ständig auf das zu konzentrieren, was ich vermeintlich verloren habe.
Im Moment fokussiere ich mich bewusst mehr auf meine Spaziergänge und habe mein Krafttraining etwas zurückgestellt. Nicht weil ich es nicht liebe – ganz im Gegenteil. Sondern weil ich gemerkt habe, dass mir diese Entscheidung im Alltag mehr Sicherheit gibt. Sie macht mich selbstbewusster bei längeren Ausflügen mit meiner Familie und gibt mir das Gefühl, meine Energie sinnvoll einzusetzen.
Zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich keine Angst vor unserem Urlaub gehabt. Wir konnten eine wundervolle Woche in den Bergen genießen, viele Ausflüge machen und ich genieße diese Unbeschwertheit mehr als jemals zuvor.
Ich treffe mich wieder öfter mit Freunden und werde dieses Jahr sogar auf ein Konzert gehen (juhuuuuu!).
Für viele Menschen klingt das vermutlich selbstverständlich. Für mich fühlt es sich an, als würde mein Leben langsam wieder größer werden.
Und genau deshalb werden auch die Trigger größer.
Neue Situationen bedeuten neue Unsicherheiten. Neue Herausforderungen. Neue Lernprozesse. Mein Nervensystem braucht Zeit, um zu verstehen, dass auch diese Dinge sicher sind. Früher hätte ich diese Reaktionen wahrscheinlich als Rückschritt interpretiert. Heute versuche ich sie anders zu sehen.
Das ist Heilung.
Wir stellen uns neuen Situationen und unser Nervensystem darf lernen, dass nichts Schlimmes passiert.
Auch wenn es mir mitten in diesen Anpassungsphasen manchmal noch schwerfällt, sie zu akzeptieren, wächst gleichzeitig mein Vertrauen. Ich weiß inzwischen, dass sie oft notwendig sind, um danach wieder einen Schritt nach vorne zu machen.
Im vergangenen Jahr habe ich außerdem eine emotionsfokussierte Psychotherapie gemacht. Sie hat mir unglaublich geholfen, meine Emotionen nicht länger als Feind zu betrachten. Das war gleichzeitig wahnsinnig spannend und auch sehr anstrengend.
Mein Körper reagiert nach wie vor sehr stark auf emotionale Prozesse.
Aber heute macht mir das weniger Angst bzw. lerne ich die Angst nicht mehr negativ zu werten.
Allein dieses Verständnis verändert bereits sehr viel.
Ein Alltag, der langsam größer wird
Mein Alltag sieht heute anders aus. Nicht perfekt, nicht symptomfrei und nicht „wie früher“ – aber doch spürbar anders.
Ich kann deutlich mehr arbeiten als noch vor einem Jahr. Ich gebe wieder mehr Personal Trainings, kann länger am Computer arbeiten und habe mich sogar getraut, neue Projekte zu entwickeln. Gerade das war für mich ein großer Schritt. Diese Krankheit hat mich gezwungen zu lernen, mich wirklich auf mich selbst zu verlassen – und mir das auch zuzutrauen.
Ganz ohne Einschränkungen geht es natürlich nicht. Sechs Stunden am Stück durcharbeiten funktioniert nicht. Meist brauche ich etwa alle 45 Minuten bis eineinhalb Stunden eine Pause, weil mich längere Konzentration noch immer stark fordert. Manchmal reicht es, einfach die Tätigkeit zu wechseln. Manchmal brauche ich komplette Ruhe.
Und ja – es gibt sie weiterhin: Tage, an denen einfach nichts geht. Manchmal sind es mehrere hintereinander, manchmal nur ein halber Tag. Aber der Körper ist ein dynamisches Wesen und funktioniert eben auch nicht jeden Tag gleich.
Trotzdem musste ich im letzten Jahr aufgrund meiner Erkrankung keine einzige Personal-Trainingseinheit mit meinen Kund:innen absagen. Darauf bin ich ehrlich gesagt ziemlich stolz.
Was mir dabei sehr hilft, ist mein Trainingsraum zu Hause. Dort kann ich ruhig arbeiten, ohne viel Reizüberflutung, und mich voll auf meine Kundinnen konzentrieren. Auch bei der Büroarbeit merke ich, wie gut mir diese ruhige Umgebung tut. Ohne Ablenkung bin ich deutlich fokussierter als früher.
Die kleinen Dinge sind nicht mehr klein
Auch privat hat sich einiges verändert. Ich kann wieder länger alleine etwas mit meiner Tochter unternehmen und ich habe meine Spaziergänge langsam steigern können. Nicht jeden Tag gleich gut, aber ich merke sehr deutlich, wie gut mir diese Zeit draußen tut – besonders im Wald oder auf dem Berg.
Dort fühlt sich mein Nervensystem ruhiger an als irgendwo zwischen Häusern und Straßen.
Was sich ebenfalls verändert hat: Ich kann besser mit meinen Energieschwankungen umgehen. Es fällt mir leichter, Grenzen zu setzen und ehrlich zu sagen, wenn etwas gerade nicht geht. Früher habe ich oft gegen meinen Körper gearbeitet. Heute versuche ich viel mehr, mit ihm zu arbeiten.
Ein guter Tag bedeutet für mich heute etwas ganz Einfaches: Normalität.
Ohne Symptome aufzuwachen. Arbeiten zu können. Zeit mit meiner Tochter zu verbringen.
Genau diese Dinge, die früher selbstverständlich waren, sind heute etwas ganz Besonderes geworden.
Rückschritte gehören zum Weg
Natürlich gibt es weiterhin schwierigere Phasen. Vor allem wenn Symptome wieder stärker werden oder mehrere Tage oder Wochen hintereinander Energie fehlen. In solchen Momenten ertappe ich mich manchmal dabei, nach Gründen zu suchen oder mich zu fragen, was ich falsch gemacht habe.
Rückblickend sehe ich jedoch etwas anderes: Jede dieser Phasen hat mich langfristig weitergebracht. Oft waren es Anpassungsphasen meines Körpers. Auch wenn es mitten darin manchmal schwer ist, das zu akzeptieren.
Mit dem Körper statt gegen ihn
Eine der wichtigsten Erkenntnisse im letzten Jahr war für mich, wie sehr die Krankheit zeitweise meine Identität beeinflusst hatte – vor allem in meinem inneren Dialog.
Ich habe gemerkt, dass ich mich innerlich stark über meine Erkrankung definiert habe.
Interessanterweise wurde es leichter, je weniger Raum ich diesem Thema gegeben habe. Nicht aus Verdrängung, sondern weil mein Nervensystem es dadurch weniger als Bedrohung wahrnimmt. Deshalb ist ME/CFS heute nicht mehr der Mittelpunkt meines Alltags.
Fortschritte, die für Außenstehende vielleicht klein wirken, bedeuten für mich unglaublich viel. An einem Tag einkaufen gehen, Haare waschen, arbeiten und Zeit mit meiner Tochter verbringen – solche Dinge machen mich heute ehrlich glücklich.
Auch mein innerer Dialog ist deutlich freundlicher geworden. Weniger Druck, mehr Verständnis.
Geduld als Training
Natürlich wünscht man sich manchmal größere Fortschritte. Aber wenn ich ehrlich zurückblicke, ist in diesen letzten 1,5 Jahren unglaublich viel passiert. Meine Belastungsverträglichkeit ist langsam, aber stetig gewachsen.
Heute verstehe ich über meinen Körper und mein Nervensystem etwas Entscheidendes besser:
Belastbarkeit bedeutet nicht, mich zu pushen. Fortschritt entsteht nicht dadurch, dass ich Grenzen überschreite. Sondern dadurch, dass ich meinen Körper besser lese.

Pausen sind kein Hindernis im Prozess. Sie sind ein Teil davon.
Und gleichzeitig möchte ich hier auch ehrlich sein:
Was mich manchmal wirklich nervt, ist genau diese Resilienz, die ich mir aufgebaut habe.
Natürlich bin ich dankbar für das, was ich gelernt habe. Aber es gibt Momente, in denen ich einfach keine Lust mehr habe, wieder neu anzufangen. In denen es sich anfühlt, als würde ich zum hunderttausendsten Mal an denselben Punkt zurückgeworfen werden – auch wenn ich rational weiß, dass das nicht stimmt. Aber in diesen Momenten fühlt es sich genau so an.
Und es ist mir wichtig, das auch auszusprechen. Nicht alles in etwas Positives zu drehen. Sondern auch Raum dafür zu lassen, dass es manchmal einfach nur anstrengend ist.
Dass es manchmal einfach nur nervt und verdammt unfair ist!
Ich glaube, echte Heilung hat nichts mit toxischer Positivität zu tun. Sondern damit, ALLES fühlen zu dürfen – auch das, was unbequem ist.
Was mir im Alltag hilft
Im Alltag sind es vor allem kleine Routinen, die mich stabilisieren.
Kalte Duschen oder generell ein Kältereiz tun mir gut. Bewegung am Morgen ebenso. Besonders meine Frühspaziergänge haben meinem Nervensystem unglaublich geholfen. Gleich nach dem Aufwachen rauszugehen, frische Luft zu spüren und mich zu bewegen, hat oft den Ton für den ganzen Tag gesetzt.
Akzeptanz, Somatische Übungen und Zeit in der Natur spielen weiterhin eine große Rolle für mich.
Im Winter habe ich sogar begonnen, ab und zu wieder einen Yoga-Kurs zu besuchen, der 75 Minuten dauert. Am Anfang war ich ziemlich aufgeregt, weil ich nicht wusste, wie mein Körper darauf reagieren würde. Aber genau diese Kombination aus Atmung, Hineinspüren und Bewegung – ohne Druck, ohne aus dem Ego heraus an meiner Beweglichkeit arbeiten zu müssen – tut mir unglaublich gut.
Mein Krafttraining ist nach wie vor ein Prozess (den ich derzeit pausiere). Ich liebe es, aber es ist immer noch ein Ausprobieren. Ein feines Herantasten, ein ständiges Anpassen. Und vielleicht ist genau das heute der Unterschied: Es geht nicht mehr darum, stärker zu sein als mein Körper – sondern ihn besser zu verstehen.
Was ich heute meinem früheren Ich sagen würde
Wir wachsen in einer Gesellschaft auf, in der Leistung oft unseren Wert bestimmt. Zu lernen, dass allein die eigene Existenz genug ist, war für mich eine der tiefsten Lektionen dieser Reise.
Geduld hat für mich heute eine ganz neue Bedeutung. Diese Krankheit begleitet mich inzwischen seit fast 4 Jahren – mit vielen kleinen Rückschritten, Anpassungen und neuen Anfängen.
Das formt eine Resilienz, die man sich nicht ausgesucht hätte – die aber trotzdem wächst.
Was mir auf meinem Weg geholfen hat
Immer wieder werde ich gefragt, was mir auf meinem Weg am meisten geholfen hat.
Wenn ich ehrlich bin, gibt es nicht die eine Sache. Es waren viele kleine und große Puzzleteile, die mit der Zeit ein Bild ergeben haben. Manche davon waren unglaublich hilfreich, andere musste ich erst lernen, bevor ich überhaupt bereit dafür war.

Das Wichtigste war vermutlich Akzeptanz.
Und damit meine ich nicht Resignation. Ich meine das ehrliche Anerkennen dessen, was gerade ist.
Ich bin wahrscheinlich eineinhalb Jahre vor meinem Zustand davongelaufen, ohne wirklich akzeptieren zu können, dass ich krank bin. Ich wollte gesund sein. Ich wollte funktionieren. Ich wollte trainieren. Ich wollte mein altes Leben zurück. ....und ganz ehrlich: wer will das nicht? Es ist etwas absolut menschliches gesund sein zu wollen und zu hoffen, Hilfe aus dem Außen zu bekommen.
Vor allem zu akzeptieren, dass ich vorübergehend keinen Sport machen konnte, war für mich unglaublich schwer. Rückblickend glaube ich, dass mich genau dieser Widerstand lange aufgehalten hat.
Und auch heute ist Akzeptanz kein Zustand, den man einmal erreicht und dann abhaken kann. Sie ist etwas, das ich immer wieder üben darf. Vor allem an Tagen, an denen ich nicht so kann wie früher oder nicht so kann wie andere.
Ein weiterer wichtiger Schritt war mein Social-Media-Detox.
Ich weiß, wie unerträglich sich die Einsamkeit in diesem Zustand anfühlen kann. Trotzdem hatte ich irgendwann das Gefühl, dass Social Media mein Nervensystem permanent in Alarmbereitschaft hält. Als würde mein Gehirn ständig Ausschau nach dem Säbelzahntiger halten. Irgendwann habe ich meine Kanäle deaktiviert. Die ersten zwei Tage waren ehrlich gesagt fast wie Entzug. Danach wurde es überraschend ruhig.
Friedlich.
Ich habe stattdessen manchmal ferngesehen, aber bewusst Dinge ausgewählt, die mich zum Lachen gebracht haben. Keine Horrorfilme. Keine Actionfilme. Nichts, das mein Nervensystem zusätzlich in Alarm versetzt.
Ein weiterer wichtiger Teil meines Weges war die Auseinandersetzung mit meiner eigenen Geschichte.
Fast drei Jahre Psychotherapie haben mir nicht nur bei der Akzeptanz geholfen, sondern auch dabei, viele alte Themen aufzuarbeiten. Kleine Verletzungen, Erfahrungen und Muster, die für sich genommen vielleicht unbedeutend erscheinen, in Summe aber mein Verhalten und meinen Umgang mit Stress stark geprägt haben.
Im vergangenen Jahr kam dann noch die emotionsfokussierte Psychotherapie dazu.
Sie hat mir enorm geholfen, als mein Leben langsam wieder größer wurde.
Zu verstehen, warum bestimmte Situationen solche körperlichen Reaktionen auslösen. Zu erkennen, dass Angst, Wut oder Traurigkeit keine Feinde sind, die bekämpft werden müssen. Sondern Anteile von mir, die letztendlich versuchen, mich zu schützen.
Heute sehe ich meine Emotionen viel öfter als kleine Begleiter statt als Gegner.
Auch das CFS Release Program, über das ich bereits im ersten Teil geschrieben habe, war für mich wichtig. Vor allem deshalb, weil es mir überhaupt erst einen Zugang zu meinen Emotionen ermöglicht hat.
Ein weiterer Baustein war das Lernen.
Ich habe unglaublich viel über chronische Beschwerden, Neuroplastizität, das Nervensystem und die Zusammenhänge zwischen Körper und Psyche gelesen.
Dabei habe ich allerdings etwas Wichtiges gelernt:
Wissen ist hilfreich.
Perfektionismus nicht.
Immer dann, wenn mein innerer Perfektionist die Kontrolle übernehmen wollte und Heilung zu meinem Vollzeitjob wurde, hat es mir gutgetan, wieder etwas Abstand zu gewinnen.
Was ebenfalls einen großen Unterschied macht, ist das Umfeld.
Ich merke bis heute sehr deutlich, wenn ich mich in Situationen befinde, in denen ich eigentlich nicht sein möchte. Mein Körper reagiert darauf oft schneller als mein Verstand.
Natürlich können wir uns nicht immer alles aussuchen.
Aber ich habe gelernt, wie wichtig ehrliche Kommunikation ist. Zu sagen, wenn etwas nicht geht. Zu sagen, wenn etwas zu viel ist. Und darauf zu vertrauen, dass die richtigen Menschen das verstehen.
Ein Thema, das für mich lange besonders belastend war, waren meine Schlafstörungen.
Wer selbst schon über längere Zeit nicht schlafen konnte, weiß, wie sehr Schlafmangel die Angst verstärken kann. Für mich war das damals eines der schwierigsten Symptome überhaupt. Vor allem, weil weder Medikamente noch verschiedene – teilweise sehr hoch dosierte – Melatonin-Präparate wirklich den Unterschied gemacht haben, den ich mir erhofft hatte. Und wenn du dich nur noch erschöpft und krank fühlst wünscht du dir nichts sehnlicher, als zu schlafen.
Was mir letztendlich am meisten geholfen hat, war etwas völlig anderes: das Verständnis darüber, wie Schlaf eigentlich funktioniert bzw. was meine Schlafstörungen mit meiner Angstspirale zu tun hatten.
Ein Buch, das mich dabei sehr begleitet hat, war "End Insomnia" von Ivo H. K. Auch heute greife ich immer wieder darauf zurück, wenn ich merke, dass mein Schlaf unruhiger wird oder alte Sorgen rund um das Thema Schlaf auftauchen.
Besonders hilfreich fand ich den Ansatz, Schlaf nicht als etwas zu betrachten, das man kontrollieren oder erzwingen muss. Das Buch beschäftigt sich viel mit der Angst vor Schlaflosigkeit, dem ständigen Beobachten des eigenen Schlafes und dem Druck, unbedingt schlafen zu müssen – Dinge, die paradoxerweise oft genau das Gegenteil bewirken.
Für mich war es unglaublich entlastend zu verstehen, dass Schlaf kein Problem ist, das gelöst werden muss. Je mehr ich versucht habe, ihn zu kontrollieren, desto schwieriger wurde er. Je mehr Vertrauen ich entwickeln konnte, desto leichter wurde es.
Natürlich gibt es auch heute noch Nächte, die schlechter sind als andere. Der Unterschied ist, dass sie mir keine Angst mehr machen.
Und allein das verändert bereits sehr viel.
Ein Thema, über das ich bisher kaum gesprochen habe, ist mein Wiedereinstieg in die Arbeit.
Ich weiß, dass das für viele Betroffene mit sehr viel Angst verbunden ist. Und genauso war es auch für mich.
Was ich hier zum ersten Mal offen sagen möchte: Ich habe mir meinen Wiedereinstieg nicht selbst ausgesucht.
Es wurde für mich entschieden, dass mein Krankenstand zu Ende ist – zu einem Zeitpunkt, an dem ich mich persönlich noch gar nicht bereit dafür gefühlt habe.
Rückblickend war das eine der Situationen, die mir am meisten Angst gemacht haben. Nicht nur wegen der Belastung selbst, sondern auch wegen all der Fragen, die damit verbunden waren.
Was ist, wenn ich es nicht schaffe?
Was ist, wenn ich wieder schlechter werde?
Was ist, wenn mein Körper noch nicht so weit ist?
Ich habe versucht, diese Situation so gut wie möglich anzunehmen und den Vorteil meiner Selbstständigkeit darin zu sehen, dass ich die Möglichkeit hatte, wirklich in winzigen Schritten wieder einzusteigen.
Und mit winzigen Schritten meine ich wirklich winzige Schritte.
Eine einzelne Einheit. Ein bisschen Büroarbeit. Dann wieder Pause. Beobachten. Anpassen. Vertrauen fassen.
Gleichzeitig möchte ich hier auch ehrlich sein: Das hätte ohne die Unterstützung meiner Familie nicht funktioniert. Diese Möglichkeit, langsam wieder aufzubauen, war auch deshalb möglich, weil Menschen in meinem Umfeld mich finanziell und auch emotional getragen haben, als ich es selbst noch nicht konnte.
Dafür empfinde ich bis heute große Dankbarkeit.
Vielleicht war genau das eine weitere Lektion dieser Reise: Nicht alles alleine schaffen zu müssen.
Hilfe anzunehmen. Und darauf zu vertrauen, dass auch kleine Schritte irgendwann wieder einen Weg ergeben.

Und dann war da natürlich noch die Belastungssteigerung.
Ich habe mit zehn Minuten Spaziergängen begonnen und mich ungefähr alle zwei bis drei Wochen um etwa zehn Prozent gesteigert. Als ich bei einer Stunde angekommen war, begann ich meine Spaziergänge in den Wald zu verlegen oder bergauf zu gehen. Das klingt alles nach einem unglaublich linearen Prozess - aber es war alles andere als das ;).
Letztes Jahr konnte ich sogar ab und zu ein bis zwei Minuten laufen, dann wieder gehen, dann wieder kurz laufen. Etwas, das ich mir auch für diesen Sommer wieder wünsche.
Was ich dabei gelernt habe:
Beginne mit einem Bewegungsumfang, den du auch an einem schlechten Tag schaffen könntest.
Und steigere langsam.
Interessanterweise hatte ich oft mehr Symptome, bevor ich meine Belastung gesteigert habe, als danach. Nicht wegen der Bewegung selbst, sondern wegen der Angst davor.
Und jeder, der selbst mit ME/CFS gelebt hat, weiß, wie schnell man in diese Angstspirale geraten kann.
Genauso wichtig war es aber auch, Pausen zu akzeptieren.
Wenn ich krank war, wenn das Leben gerade andere Anforderungen hatte oder wenn mein Körper ganz klar signalisiert hat, dass es zu viel ist, habe ich auf meine Bewegungssequenzen verzichtet.
Und nach längeren Pausen habe ich bewusst wieder niedrig begonnen.
Interessanterweise konnte ich mich rückblickend meist viel schneller wieder steigern, als ich in diesen Momenten gedacht hätte. Vielleicht fasst genau das meinen gesamten Weg ganz gut zusammen:
Nicht Perfektion hat mich weitergebracht.
Sondern Vertrauen.
Vertrauen darauf, dass mein Körper lernen kann.
Vertrauen darauf, dass Heilung Zeit braucht.
Und Vertrauen darauf, dass kleine Schritte über lange Zeiträume oft viel größer sind, als sie im Moment erscheinen.
Für alle, die gerade am Anfang stehen
Wenn jemand gerade am Anfang dieser Reise steht, dann möchte ich vor allem eines sagen:
Heilung ist möglich.
Die ersten eineinhalb Jahre waren für mich die schwierigsten, weil ich keinen Ausweg gesehen habe. Weil ich nicht wusste, ob es jemals besser werden würde. Weil ich niemanden kannte, der einen Ausweg gefunden hatte. Weil mir niemand Hoffnung geben konnte.
Genau deshalb ist es mir heute wichtig, das klar auszusprechen.
Es gibt einen Weg! Auch wenn er lang ist. Auch wenn er nicht linear ist und hart.
Man liest oft, dass ME/CFS nicht heilbar sei. Ich verstehe, warum solche Aussagen existieren und wie wichtig Aufklärung über diese Erkrankung ist. Aber für Betroffene kann es unglaublich schwer sein, das immer wieder zu lesen .
Deshalb möchte ich hier bewusst eine andere Perspektive teilen:
Ich glaube fest daran, dass Heilung möglich ist. Ich habe einen Weg gefunden, mit dem es mir so viel besser geht und wenn meine Geschichte dir auch nur ein Fünkchen hilft, dass es dir besser geht, hat es sich bereits gelohnt diese Zeilen zu teilen.
Geduld ist der schnellste Weg
Heute bedeutet Heilung für mich vielleicht etwas anderes als früher. Vielleicht geht es weniger um einen perfekten Zustand und mehr darum, wieder Dinge tun zu können, ohne ständig darüber nachdenken zu müssen.
Wenn ich meine Reise heute in einem Satz zusammenfassen müsste, dann ist es immer noch derselbe wie im ersten Artikel:
Geduld ist der schnellste Weg.
Und vielleicht noch etwas Zweites:
Die Dankbarkeit für die kleinen Momente ist durch diese Erfahrung größer geworden, als ich es mir jemals hätte vorstellen können.
Eure Tessa










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